Mit Grundsätzen, aber ohne Mollis und Möpse!

Sehr geehrte Frau Lösekrug-Möller,

nachdem Sie bei der gestrigen öffentlichen Sitzung des Petitionsausschusses offensichtlich eher mäßig vorbereitet waren (nicht zu wissen, dass bei einer Vollsanktionierung auch die Bezahlung der Krankenkassenbeiträge eingestellt wird, spricht für sich) und, ganz auf SPD-Linie, wenig Empathie für Menschen zeigten, die, aus welchen Gründen auch immer, keine Arbeit bekommen, lade ich Sie ganz herzlich dazu ein, einen Tag mit mir zu verbringen.

Ich würde Sie bitten, mich auf das JobCenter zu begleiten und sich ganz genau die Eingliederungsvereinbarung durchzulesen, die ich unterschreiben muss. Ich erläutere Ihnen gerne detailliert die Punkte, die mit dem Grundgesetz kollidieren, falls Sie, ganz auf SPD-Linie, nicht in der Lage sind, sie selbständig zu entdecken.

Anschließend würden wir gemeinsam die Lage am hiesigen Arbeitsmarkt sondieren, und zwar für alleinerziehende Mütter ohne Familie in der näheren Umgebung, mit eingeschränkten Betreuungsmöglichkeiten, auf dem platten Land und einem Beruf, in dem zum größten Teil vorausgesetzt wird, dass frau von Montag morgens um 6.00 Uhr bis Samstag abends um 22.30 Uhr verfügbar sein muss, selbst wenn es sich nur um einen Mini-Job handelt.

Und dann, liebe Frau Lösekrug-Möller, erklären Sie mir, warum ich der Sozial-Schmarotzer bin, der nicht arbeiten will. Warum ich sanktioniert werden muss, wenn ich mich weigere, zum fünften Mal in einem Jahr die gleiche Einzelhandelskette mit einer Bewerbung zu traktieren, in dem Wissen, dass ich die Arbeitszeiten sowieso nicht in dem geforderten Maße bringen kann und mir die Möglichkeit verbaue, mich überhaupt jemals wieder bei dieser Einzelhandelkette bewerben zu können, weil ich die Personalabteilung schlicht und ergreifend nerve.

Und wenn Sie mir das alles dargelegt haben, lade ich Sie gerne auf einen Kaffee ein. Bei mir zuhause, versteht sich, denn für ein Cafe fehlt mir das Geld. Falls Sie Ihren Kaffee mit Milch trinken, sollten Sie einen starken Magen mitbringen, mein Kühlschrank ist nämlich seit einigen Wochen defekt. Aber die neuerdings komplett zu Tode pasteurisierte „frische“ Vollmilch ist um diese Jahreszeit durchaus einige Tage ungekühlt genießbar. Jedenfalls sind meine Tochter und ich davon noch nicht krank geworden.

Bei der Gelegenheit kann ich Ihnen dann vorrechnen, warum ein neuer Kühlschrank nicht drin ist, obwohl ich ja angehalten bin, einen Teil der Regelleistungen für solche Fälle zurückzulegen. Das Problem ist nämlich nicht meine mangelnde Fähigkeit, verantwortungsvoll mit Geld umzugehen, sondern die eher unrealistische Berechnung von Heizkosten im Regelsatz sowie den Nachweis über den Stromverbrauch, wenn man mit guten alten Nachtspeicheröfen heizt. Aber das ist ein anderes Thema.

Frau Lösekrug-Möller, ich bitte Sie eindringlich, nehmen Sie endlich die Realität wahr!
Nur ein geringer Prozentsatz von uns ALGII-Empfängern ist wirklich arbeitsunwillig. Alle anderen werden vorsätzlich und gegen das Grundgesetz in Armut und Verzweiflung getrieben, und dem können Sie als Sozialdemokratin nicht zustimmen!

Mit freundlichen Grüßen
die Freibeuterin

Kleines Update:
ich habe eben beschlossen, Frau Lösekrug-Möller direkt per Post anzuschreiben, da die
Einladung durchaus ernst gemeint war. Auf die Antwort bin ich gespannt. 😉

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6 Antworten

  1. lintusotarauha

    Dann aber schnell noch, die ein zwei Rechtschreibfehler raus. Das ist ein sehr schöner Text. Etwas, was ich immer wieder lese. Manchmal auch selbst erlebe, wenn mir Kunden ausbleiben. Ich wünsche viel Erfolg dabei. 🙂

    21. April 2014 um 23:17

    • Wo sind sie, die fiesen Fehler? (Ich hab zwei Rechtschreibprüfungen drübergejagt, aber den Dinger kann man ja auch nicht weiter trauen als man ein Klavier werfen kann. 😉 )

      29. April 2014 um 17:30

      • lintusotarauha

        Wenn ein Wort zwar rechtschreibmäßig richtig ist, aber nicht zum Kontext passt, dann sieht das Programm es nicht.

        29. April 2014 um 20:33

  2. Ich drücke Dir die Daumen, dass sie kommt UND was lernt! Dass dieser Zustand nicht haltbar ist, ist eigentlich allen Betroffenen klar. Nur allen anderen nicht…die glauben eher den „Ermittlern“ von RTL die mal Sozialschmarotzer über führt haben als dem eigenen Menschenverstand. 😦

    Alles Gute!
    Minulinu

    22. April 2014 um 04:55

    • Nun ja, bis heute hat sie sich nicht zu einer Reaktion hinreißen lassen. Ich muss da noch einmal nachhaken. 😀

      29. April 2014 um 17:31

      • nimm den Haken von Captain Hook! 🙂

        30. April 2014 um 19:10

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